Jahresrückblick 2019

Bevor ich mich an den Beitrag hier gesetzt habe, habe ich mir den Jahresrückblick 2018 durchgelesen und – was soll ich sagen – mit einigem Erschrecken festgestellt, dass ich irgendwie ähnlich aus dem Jahr 2019 aussteigen werde.

Aber kommen wir erstmal zu den Dingen, die sich klar im Jahre 2019 verändert haben.

  1. Wir sind umgezogen. Aus der schimmeligen Erdgeschoßwohnung mit einer rauchende Familie auf dem Balkon über uns sind wir zwar im Ort geblieben, aber in eine 2geschössige Neubauwohnung gezogen. Ja: teurer, aber um so schöner und vor Allem… ruhiger. Seit dem Umzug schlafe ich wieder ruhiger und meine Kopfschmerzen sind weniger geworden.
  2. Im Sommer habe ich mit Karate angefangen. Wer meinen Blog regelmäßig liest weiß das bereits und er weiß auch, dass ich meine Karatelaufbahn wieder beendet habe. Nicht, weil ich zu faul bin, oder ich keinen Bock mehr hatte, sondern schlicht aus zeittechnischen Gründen. Mehr dazu aber hier.
  3. Ich arbeite immer noch in der gleichen Firma, mache immer noch den gleichen Job, mein Jobtitel hat sich lediglich geändert. Zudem ist mein ehemaliger Kollege mein neuer Chef. Ich habe mich gefreut, tierisch, denn endlich schienen sich die menschlichen und auch organisatorischen Probleme aufzulösen. Jedoch währte die Freude nur relativ kurz, denn der Wechsel von Kollege zu Chef war / ist für mich nicht wirklich einfach – für ihn aber offenbar auch nicht. Ich denke aber, das wird sich regeln im Laufe der Zeit.
  4. Mein Gewicht hat sich von über 100 kg auf knapp unter 100 kg eingependelt. Ich bin zwar immer noch weit weg von meinem Zielgewicht, aber es geht in die richtige Richtung.
  5. Mein Sohn ist ausgezogen. Das war schon im Mai 2019. Meine anfänglichen Bedenken haben sich glücklicherweise nicht bestätigt, er kommt gut klar und hat – zumindest dem Eindruck nach – sein Leben gut im Griff. Klar mit Aufs und Abs, aber dennoch funktioniert es sehr gut!
  6. Johanna war mit ihren 12 Lenzen das erste Mal alleine (mit meiner Schwester) eine Woche lang im Urlaub. In Paris. Mir war klar, dass sie verändert wieder kommen würde und ja: aus der kleinen Sprotte ist eine große Sprotte geworden. Schön!

Ich glaube, das waren so die wichtigsten Punkte 2019. Ich habe mir für 2019 vorgenommen Stabilität in mein Leben zu bringen, was mir zwar nicht vollständig gelungen ist, aber die Weichen konnte ich stellen. 2020 wird es weiter gehen.

Was habe ich mir für 2020 vorgenommen?

  1. Weniger fluchen, weniger Fäkalwörter, bessere Aussprache und Umgangsformen. Das alles gehörte zwar schon 2019 auf meinem Zettel, ich möchte dies jedoch weiterführen und verbessern.
  2. Stilbruch. 2019 habe ich schon angefangen, auch das werde ich weiterführen. Ich besitze keine Sneaker mehr, Turnschuhe ziehe ich nur noch zum Sport an, oder im Sommer zu kurzen Hosen. Ich besitze kein Basecap mehr, nur noch Schiebermützen, Flatcaps und einen Hut. Meine Jacken sind Mänteln und Jackets gewichen – nur meine Metalshirts habe ich noch… die behalte ich auch. Auch die Jeans werden weniger in meinem Schrank.
  3. Musik. Der Horizont wird / wurde erweitert. Neben Metal und Elektro ist 2019 auch der Swing dazugekommen. Nicht der typische Radio-Swing a la Bublé, oder so – sonder das richtige Zeug aus den 20ern und 30ern. Dadurch hat sich der Horizont in Richtung Jazz gedreht. Den empfinde ich immer noch als „schwer“, aber zunehmend auch als angenehm.
  4. Sport und Kampfkunst – das wird weiter ausgebaut, siehe hier.
  5. Sparsamer leben und sich mehr Ausgleich gönnen. Ich gebe viel Geld für Scheiß aus. Entschuldigt dieses Wort, aber das trifft es einfach am Besten. Das will ich ändern. Öfter mal für ein paar Tage raus, vielleicht nach Austria, der mal wieder ans Meer. Vielleicht mal eine kleine Städtereise, oder eine Wanderung, die über ein paar Tage geht. Zelten gehen – das war ich schon locker 30 Jahre nicht mehr. Solche Dinge eben. Ihr versteht schon.

5 Punkte also, die ich (weiter) anpacken will, das sollte wohl zu schaffen sein. Letztlich ist es, wie bereits im letzten Jahr, die viel beschworene Selbstdisziplin und Willenskraft. In normalen Zeiten ist beides ganz gut bei mir vorhanden, in rauheren Zeiten dagegen habe ich mehr den Wunsch es mir mal gutgehen zu lassen. Und das bedeutet in der Regel: Couch, Fernsehen, Essen. Hier versagt dann die Selbstdisziplin.

Jaaaa…. ich arbeite daran….

So meine Lieben, ich werde jetzt  mal weiter meinen Hexenschuss verarzten, mit dem ich bereits seit Heilig Abend laboriere, nachher noch ein heißes Bad nehmen und dieses Jahr mit Runenlegen, einem herrlichen Gin und tiefsinnigen Gesprächen beenden.

Einen guten Rutsch!

 

Mein Kampfkunstweg 6 – Abschluß und kurz in eigener Sache

Puh. Also mein letzter Beitrag dieser Reihe ist gerade mal eine Woche her und das Feedback hat mich tatsächlich etwas überrascht.

Ich habe einige Emails mit Fragen bekommen, die ich gerne mit einem Blogbeitrag beantworten möchte – sofern ich das kann.

Das Thema „Kampfkunst mit Ü40“, oder älter, scheint eine gewisse Relevanz zu haben, daher habe ich kurzerhand einen eigenen Blog zu dem Thema aufgesetzt!

unter „ROLLINGPANDA.CLUB“ wird die Reihe nicht nur einfach weitergeführt, sondern – wenn alles gut läuft – sogar noch ausgebaut.

Die Antworten zu dem Fragen werdet ihr ebenfalls dort finden. Ich bin noch dabei die Fragen zu sortieren und auf eine kleine Anzahl herunterzubrechen, aber in Kürze (wahrscheinlich noch in diesem Jahr) könnt ihr dort weiterlesen.

Danke fürs Begleiten!

Mein Kampfkunstweg 5 – Arbeitszeit vs Trainingszeit und der Blick über den Rand

Am Freitag, 13.12. habe ich mich für dieses Jahr vom Training verabschiedet.

Nicht, weil ich keinen Bock darauf hätte, sondern schlicht und einfach, weil meine Arbeitszeit nicht zum Training passt.

Es ist für mich äußerst frustrierend, wenn ich von möglichen 8 Trainingseinheiten im Monat zu maximal 2x erscheinen kann.

Ich habe das bei meinem Sensei angesprochen, aber letztlich sind es nur 3 Möglichkeiten, die ich habe:

  1. Ich kündige meinen Job und komme regelmäßig zum Unterricht 
  2. Ich belasse es dabei und komme eben nur unregelmäßig bis gar nicht zum Unterricht
  3. Ich muss etwas finden, das mir nicht nur gefällt und gut tut, sondern auch mit meinem „Leben“ im weitesten Sinne kompatibel ist

Punkt 1 scheidet schon mal aus (auch wenn ich darüber nachgedacht habe.. 😀).

Punkt 2 wäre möglicherweise eine Option. Weitermachen und hoffen, dass ich es mal öfter schaffe. Auf Dauer ist das allerdings frustrierend. Für mich, weil ich keinen Fortschritte mache und mich laufend ärgere, aber auch für die anderen im Training, da ich immer wieder als Pflock punktuell dazu stoße und den Unterricht sprenge.

Punkt 3 muss dann wohl die Lösung sein….

Erst habe ich nach Karate-Vereinen und -Schulen gesucht, davon gibt es ja etliche in und um Ingolstadt, jedoch ALLE beginnen ihr Training zwischen 17:30 Uhr  und 18:30 Uhr.

Ich habe mich wirklich gefragt, wie das funktionieren soll? Diese Trainingszeiten schließen eine ganze Bevölkerungsschicht aus! Sicher wird man hier niemals (oder selten) jemanden aus dem Einzelhandel sehen, oder jemanden, der erst um 18 Uhr herum aus dem Büro kommt.

Genervt habe ich dann das Notebook zugemacht, durchgeschnauft und versucht einen klaren Kopf zu bekommen -> Was sollte ich also tun?

Ich bin noch einmal in mich gegangen. Welche Elemente haben mir in meiner Kampfkunstvergangenheit gut gefallen? Welche nicht?

Bodenkampf fand ich immer scheiße. Dieses Rumgewurschtel auf der Matte war nie meins, auch wenn ich durchaus eingesehen habe, dass es ein wichtiges Element bei der Selbstverteidigung ist. Hohe Tritte habe ich immer irgendwie belächelt, auch wenn die wirklich effektiv sein können. Generell empfinde ich den Kampf in „Distanz“ als eher unrealistisch. Den Nahkampf in Ellbogendistanz fand ich immer am Spannendsten.

Realistisch betrachtet geht ein Kampf ja in der Regel über alle drei Distanzen. Wenn ich also realistische SV lernen möchte, muss es eine Kampfkunst sein, die auch über alle drei Distanzen unterrichtet wird. Nicht nur im Ansatz, sondern konsequent.

Oder geht es mir um den philosophischen Aspekt einer Kampfkunst?

Eigentlich geht es mir um beides. Ich will mich im Zweifelsfall verteidigen können UND der philosophisch-geschichtliche Hintergrund muss passen.

Wer sich nun mit den Kampfkünsten auskennt, kommt jetzt unweigerlich auf Wing Chun. Okay.

Ein langer Spaziergang im Wald brachte dann eine neue Idee: Ju Jutsu.

Was wusste ich über Ju Jutsu? Vor meinem geistigen Auge sah ich immer zwei ineinander verkeilte Leiber, die über die Matten rollen – alles etwas aggressiver als beim Judo. Aber ist das wirklich alles?

Nein. Dennoch habe ich vorher die Vereinslage abgecheckt und die Trainingszeiten gescannt. Das war seltsamerweise ziemlich aufreibend, denn auch wenn es im Raum Ingolstadt irgendwas um die 25 Karatevereine gibt, sind es tatsächlich nur 2 Ju Jutsu Schulen (BJJ und TJJ) in Ingolstadt und weitere 2 (Jiu Jitsu und Jiu Jutsu) im Umkreis von 50 km. Wenn ich nun die Brazilian Jiu Jiutsu und andere Stile abziehe, mich also tatsächlich auf das Ju Jutsu des DJJV konzentriere, ist es lediglich ein Verein (1!) der übrig bleibt.

Zum Glück passen die Trainingszeiten.

Ein Telefonat mit dem Sensei brachte dann Klarheit. Das Ju Jutsu des DJJV geht über alle drei Distanzen, es sind Elemente aus dem original Jiu Jitsu, dem Karate, dem Judo und dem Aikido vorhanden und bezieht sich trotz des Synkretismus philosophisch auf seine Wurzeln. Und es soll wirklich Spaß machen und effektiv sein.

Grund genug für mich, ein Probetraining zu vereinbaren…

Am 10. Januar 2020 ist es dann soweit, dann werde ich mein erste Ju Jutsu Training mitmachen und hoffentlich dabei bleiben.

Kyokushin Karate hat mir dennoch einiges gebracht.

  1. es hat mir gezeigt, was mit mir und meinem Körper noch so möglich ist
  2. es hat mich etwa 4 kg Masse gekostet
  3. es hat mir bewiesen, dass man auch mit 46 Jahren noch seine Leistung, Kraft und Ausdauer steigern kann
  4. Sit ups kann ich immer noch nicht ohne Hilfe… 😀

Die Karate Reihe werde ich dann wohl mit diesem Beitrag schließen und demnächst eine neue Serie anfangen. Ich würde mich freuen, wenn ihr mich auch dort begleiten würdet….

OSU
derspitzbart

Mein Kampfkunstweg 4 – …und mühsam ernährt sich das Eichhörnchen…

Okay, der November ist quasi um, Zeit für ein weiteres Update.

Ich habe mir ursprünglich für den November eine ganze Menge vorgenommen:

  • mindestens 6x beim Training aufschlagen
  • um spät. 23 Uhr ins Bett gehen
  • auf der Waage vor dem Komma eine 95 sehen

Alle drei Ziele habe ich grandios verpasst. Ich denke mal jeder berufstätige Mensch hat phasenweise das Problem, dass er nicht pünktlich aus dem Büro kommt. Hinzu kommt in meinem Falle noch eine Umstrukturierung, die zusätzliche Energie raubt. Es gelingt mir mittlerweile öfter den Stift für das Training fallen zu lassen, aber eben nicht so oft, wie es der Fall sein müsste, oder gar sollte. Ich arbeite weiter daran.

Abends um 23 Uhr herum ins Bett zu gehen ist für mich eine echte Herausforderung, denn ich bin dann schlicht und einfach noch nicht müde. Wenn ich es dann doch mal gepackt habe, wälze ich mich ewig hin und her und schlafe später ein, als wenn ich noch etwas gewartet hätte. Blöd.

Als ich im September mit Kyokushin begonnen habe, hatte ich etwas über 100 kg auf den Rippen. Um genau zu sein pendelte ich zwischen 101 und 102 Kilo herum. Anfang November lag ich dann bei ~ 98 kg. Mit Disziplin und Durchhaltevermögen hätte ich auf die 95 kg schaffen können… aber gut, immerhin habe ich mein Gewicht gehalten. Auch heute wiege ich noch ~ 98 kg. Die 95 kg, habe ich mir als neues Ziel für Ende Dezember gesetzt… Weihnachtsfresserei Galore…

Aber genug davon, jetzt ab in die Karate-Welt!

Mitte Dezember stehen die nächsten Kyu-Prüfungen an und das Training wurde vollständig darauf ausgelegt. Es geht also nicht mehr großartig darum neue Techniken zu lernen, sondern in erster Linie darum das Gelernte sauber auszuführen.

Fitness ist zweite Schwerpunkt. Und puh… das haut wirklich rein… die erste halbe Stunde läuft dann wie folgt: Technikfolge, 20 Kniebeugen, 20 Situps, 20 Liegestütze, Technikfolge, 20 Kniebeugen, 20 Situps,… etc. In Summe kommt man auf etwa 100 Kniebeugen, 100 Situps, 100 Liegestütze.

Im Adrenalinwahn bekommt das gar nicht so mit. Erst wenn man das Lenkrad bei der Heimfahrt nicht richtig halten kann, weiß man, was man getan hat… 🙂

Situps gehöre für mich immer noch in die Kategorie „nogo„. Trotz morgendlichen Übungen schaffe ich ohne Trickserei immer noch keinen einzigen verdammten Situp!

Erst wenn ich meine Füße unter dem Schrank oder Sofa fixiere funktioniert das … und dann sogar ziemlich problemfrei.

Was aber, wenn kein Schrank oder Sofa in der Nähe ist? Dann bin ich wieder der Käfer, der auf seinem Rücken liegt und vor sich hin wippt. Da gibt es bestimmt irgendeinen Kniff, den ich noch herausfinden muss. Ätzend.

Faustliegestütze gehen mittlerweile ganz gut. Lediglich während aber der dritten 20er Reihe muss ich auf die Handfläche wechseln. Aber das wird schon.

Problembereiche:

Während die Fitness langsam… wirklich langsam besser wird, muss ich an der Koordination arbeiten. Klassiker im Vorwärtsgehen: Zenkutsu Dachi, Gedan Barai, Morote Tsuki, Oi Tsuki, Uke, Schritt, Gedan Barai, etc….

Spätestens nach dem dritten Schritt bin ich durcheinander und verhasple mich. Noch heftiger wird es, wenn Tritte dazu kommen. Bei mehr als drei Techniken hintereinander kreuzt sich Hirn mit Bewegung und ich stehe da wie ein Depp. Okay, hier hilft regelmäßiges Training… jaja…

Arbeitszeit vs. Trainingszeit – eine nicht enden wollende Geschichte. Ja, ich muss pünktlich Feierabend machen um pünktlich zum Training zu kommen. Ja, es gelingt mir oftmals nicht. Ich arbeite daran irgendwie eine Lösung zu finden… zumindest schaffe ich es aktuell 1x wtl. in den Dojo.

Fortschritte

Neben der Fitness wird auch meine Beweglichkeit tatsächlich besser. Ich hätte nicht gedacht, dass es so fix geht, aber nach 2,5 Monaten bin ich recht zufrieden. Im Vergleich stinke ich zwar immer noch ab, aber für mich ist es ok, zumindest auf dem richtigen Weg. Okay… die ein oder andere Zerrung schleppe ich schon mit mir mit – aber es wird langsam… 🙂

Positive Nebeneffekte

Ich freue mich aufs Training. Das hatte ich schon länger nicht mehr so. Ich freue mich tatsächlich, wenn ich in den Gi schlüpfe und mir der Schweiß von der Glatze tropft.

Das Schöne beim Kyokushin ist auch die Abwechslung. Von reiner Technik über die körperliche Abhärtung bis hin zum Freikampf ist alles dabei. Man spult halt nicht so den Stiefel runter, sondern effektiv weiß man nicht, was einen erwartet. Das sorgt regelmäßig für einen Adrenalin-Schub, den ich mittlerweile echt begrüße.

Vor und nach dem Training bin ich wirklich gut drauf, der Alltags-Mist ist einfach wegtrainiert und der Kopf wird frei… Frust und Ärger einfach weggeprügelt und rausgeschwitzt… das sorgt für eine grundlegend andere Ausstrahlung im Allgemeinen…. 😉

Trotz all der Härte gibt es keinen Konkurrenzkampf im Dojo, also auch das positive Miteinander ist eine schöne Abwechslung zum Arbeits-Mist, dem ich tagtäglich ausgesetzt bin. Und es wird kein Unterschied gemacht… ob Weiß-, Gelb-, oder Blaugurt – es ist egal. Du wirst nicht geschont.

So… ich freue mich auf jeden Fall schon mal auf den Dezember (der ja schon läuft). Heute nehme ich mir Trainingsfrei, denn ich habe eine fette, fiese Zerrung und Verhärtung im Oberschenkel (Kiba Dachi Olé).

Havamal heute – 5. Spruch

Witz bedarf man auf langer Reise; daheim hat man Nachsicht.

Zum Augengespött wird der Unwissende, der bei Sinnigen sitzt.

Mich beschleicht beim 5. Spruch immer wieder das Gefühl, als ob dieser entweder nicht richtig übersetzt wurde, oder einfach nicht zusammenpasst – sprich: aus mehreren Teilsprüchen einfach zusammengelegt wurde.

Während der zweite Teil des Spruchs eine klare und eindeutige Aussage ist, finden wir im ersten Teil zwei möglicherweise nicht miteinander in Beziehung stehende Aussagen… so scheint es zumindest. Aber fangen wir mal an.

Witz bedarf man auf langer Reise. Möglicherweise ist hier die tatsächliche Reise von Ort zu Ort gemeint. Mir persönlich geht auch heutzutage „Reisen“ mächtig auf den Keks. Ich mag da eher das „Ankommen“. Damals war das Reisen beschwerlich, lang und anstrengend. Krankheit, wilde Tiere, Überfälle, weiß der Geier was waren lebensbedrohlich. Sicher braucht man Witz, also eine gesunde Portion Humor, um nicht wahnsinnig zu werden.

Humor ist ein guter Begleiter, den man möglichst nicht verlieren sollte, egal wie beschwerlich und aufreibend die Reise auch ist.

Diese Reise kann, so meine Interpretation, einerseits die tatsächliche Reise sein, aber auch im übertragenen Sinne gesehen werden. Die Lebensreise zum Beispiel, die Etappe bei einer neuen Arbeitsstelle oder einem neuen Wohnort, der Lebensabschnitt in einer neuen Beziehung, etc. Witz ist unabdingbar um den ganzen Irrsinn tagtäglich durchzustehen!

Daheim hat man Nachsicht. Stimmt. Wenn nicht ist es blöd. Zu Hause bekommt und gibt man in der Regel Mitgefühl, Schwäche wird akzeptiert, man wird aufgefangen. Zu Hause ist ein Nest, in das man sich zurückziehen und Kraft für den nächsten Aufschlag sammeln kann.

Draußen nicht. Jeden Tag, wenn wir unser Haus verlassen, ziehen wir mit der Jacke eine Maske an, mit der wir irgendwie versuchen den Tag durchzuhalten.Wir spielen eine Rolle, egal wo wir sind. Arbeit, Sportverein, Freunde. Die Rolle, die am besten zu der jeweiligen Situation passt und nahe genug an einem selbst ist, um sich nicht verkaufen zu müssen. <- wobei diese Grenze durchaus individuell ist.

Selbst „zu Hause“ wird mehr oder weniger eine Rolle gespielt. Der „starke Papa“ oder die Mama, die immer die Ruhe behält, egal welcher Wind von „draußen“ gerade auf die Familie einstürmt.

Meist sind es nur kleine Moment in denen wir voll und ganz selbst sind. Nachsicht ist etwas anderes, etwas unsichtbares. Es ist nichts was man zeigt, es ist etwas, das man macht. Ich habe zum Beispiel Nachsicht, wenn meine Frau gestresst von der Arbeit ist und keinen Lärm ertragen kann. Ich verhalte mich leise, rede nicht, sondern fange sie auf. Meistens. Das ist Nachsicht… evtl. könnte man es auch Achtsamkeit nennen, wobei sich Nachsicht eher aus der Achtsamkeit ergibt. Nachsicht ist, dem anderen Schwäche zu erlauben und in diesen Situationen zu stützen.

Auf Reisen kann man also keine Nachsicht erwarten. Oder neu interpretiert: Draußen kannst Du keine Nachsicht erwarten. Sei stark!

Zum Augengespött wird der Unwissende, der bei Sinnigen sitzt. Eigentlich klar, oder? Dieses „sich Blicke zuwerfen“ wenn ein anderer etwas wirklich Unsinniges zu dem gerade diskutierten Thema sagt. Augengespött ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang… aber auch ein gefährliches im übertragenem Sinne.

Wenn man selber zum „Augengespött“ wird, mag man es gar nicht mitbekommen. Es manifestiert sich eine Meinung in den Köpfen der anderen über Dich mit der Du jedes Mal ringen musst, wenn Du auf einen der anderen Anwesenden triffst.

Vielleicht hast Du Glück und bekommst es ausgemerzt, wenn nicht wird aus der Meinung ein Vorurteil, was weit gefährlicher ist. Es ist ein Unterschied, wenn man sagt:

„Meiner Meinung nach hat Paul keine Ahnung vom Fußball.“

oder

„Paul hat absolut keine Ahnung von Fußball.“

Aus einer Meinung, wird ein Fakt. Eine Meinung umzukehren ist einfacher, als einen – wenn auch falschen – Fakt.

Der zweite Teil des 5. Spruches ist hier also erstmal eine Aussage, die ich als eine Art Warnung verstehen würde.

Halt lieber den Mund, wenn Du keine Ahnung hast. Oder auch: informiere und beschäftige Dich mit den Dingen, wenn Du keine Ahnung hast. Oder weiter: umgebe Dich mit Menschen, die zu Dir passen.

In diesem Sinne, ihr Heiden – bleibt stark!