Wie oft übst Du Taiji? (02.08.2017)

Eine interessante Frage, die neulich mal im Unterricht auftauchte. Wie oft übst Du Taiji (außerhalb des Unterrichts)?

Im ersten Moment antwortete ich, über den Unterricht hinaus so etwa 1,5 bis 2 Stunden die Woche, wobei ich lediglich das Ablaufen der Form und gelegentliche Übungseinheiten mit meiner Karate-Tochter im Kopf hatte.

Als ich dann zu Hause war und etwas länger über diese kleine Frage nachdachte, musste ich meine Antwort  revidieren und eine Frage voranstellen:

Was bedeutet es eigentlich Taiji zu praktizieren?

Taiji ist letztlich mehr, als „nur“ die Form zu laufen. Es ist Philosophie und so eng mit dem Daoismus verknüpft, dass eigentlich keine wirkliche Trennung existiert.

Taiji bedeutet übersetzt aus dem Chinesischen: „das höchste Prinzip“, oder auch „das große Ganze“ und ist eine Bezeichnung für die Symbiose aus Yin und Yang, was sich in dem bekannten Symbol zeigt:

2017-01-18-23-34-47

In der chinesischen Philosophie war/ist vor dem Taiji das Wuji, sprich: das Taiji ist bei der Entstehung des Universums aus dem Wuji hervorgegangen. Somit gibt es für den Begriff Wuji viele unterschiedliche Übersetzungen, wie zum Beispiel: das Chaos, der Urzustand, der Ursprung, Mutter von Yin und Yang, etc.

Für mich interpretiere ich dieses Wuji als einen Moment der Stille und Gleichheit, jenen kleinen Zeitpunkt, an dem Yin und Yang ihren idealen Zustand eingenommen haben. Natürlich ist mir bewusst, dass sich in unseren Leben an diesen Zustand höchstens angenähert werden kann… aber zumindest das kann man ja versuchen, oder?

Zhou Dunyi war ein chinesischer Philosoph und Neokonfuizianist, der den Daoismus nicht von vornherein abgelehnt hat. Er hat stattdessen versucht Erklärungen zu finden und hat ein anerkanntes Taiji-Diagramm entwickelt. Gut, auch hier gibt es wiederum Strömungen, die sagen, dass Zhou Dunyi hier lediglich auf daoistische Schriften zurückgegriffen hätte, aber das muss hier nicht interessieren.

Taji Diagramm

 

Also was bedeutet dieses Dingen nun?

Zhou Dunyi erklärt dies in einer zentralen Stelle seiner Schriften folgendermaßen, ich zitiere hier mal aus einer Übersetzung aus dem Taiji-Forum:

Wuji und doch/dann taiji. In Bewegung bringt das taiji das Yang hervor.

Wenn die Bewegung das Äußerste erreicht hat, entsteht Ruhe. Ruhend erzeugt das taiji das Yin, doch wenn die Ruhe das Äußerste erreicht hat, entsteht Bewegung.

Bewegung und Ruhe Wechseln einander ab. Jedes ist die Wurzel des anderen.

Durch die Unterscheidung von Yin und Yang sind diese beiden Instrumente entstanden.

Jeder Taiji-Praktizierende kennt diese Momente. Eine Bewegung begegnet diesem Punkt der leichten Ruhe und hieraus entsteht die nächste Bewegung, die sich wiederum jenem Moment der Ruhe und – zumindest sehe ich dies so – dem Wuji nähert, dem Ursprung.

In meinen Augen sind Taiji-Praxis und daoistische Philosophie eng miteinander verknüpft und um Taiji wirklich zu praktizieren muss/sollte man sich auch mit der Philosophie dahinter beschäftigen. Dies führt zu einem anderen Verständnis und eine vielleicht andere Sicht auf die Praxis, auf sein Umfeld und auf sein Leben an sich.

Und so will ich langsam wieder zu der eingangs gestellten Frage kommen. Taiji ist wesentlich mehr, als einfach nur die Form runter zu spulen. Die Grundsätze und Prinzipien (Yin Yang, natürlicher Lauf, Wu Wei, etc.) findet man überall im Alltag und sie lassen sich ebenso überall anwenden.

Wie oft übe ich nun also Taiji, außerhalb des Unterrichts?

Meine Antwort: ständig.

Ich übe jeden Tag aufs neue mir die Prinzipien ins Bewusstsein zu holen und meine Handlungen danach auszurichten. Manchmal kommt es automatisch, manchmal muss ich daran arbeiten – also Kung Fu praktizieren. Aber es ist ständig präsent.

Üben, üben, üben.

In diesem Sinne! 🙂