Karl Kraus und die Präsidentschaftswahl

Karl Kraus, die ÖsterreicherJa, was soll ich sagen. Als Österreicher hatte man es noch nie leicht. Und als Österreicher, der in Deutschland aufwächst und lebt schon mal gar nicht. Einerseits ist man für die Österreicher so etwas wie ein Flüchtiger und wird im Beamtenösterreichisch als „Auslandsösterreicher“ bezeichnet.  Andererseits ist man für die Deutschen entweder ein Ausländer, oder eben einfach kein richtiger Deutscher, oder ein Abkömmling des Großdeutschen Reiches, so dass ich irgendwann den Eindruck hatte, dass Österreich eigentlich gar kein richtiges Land ist. Es ist ein Überbleibsel, ein rudimentärer Rest eines einstigen Vielvölkerstaates, der sich selbst als „deutsch“ definiert, aber dennoch mit Krallen an eine eingeredete Kultur klammert, die lediglich eine vermengte Kombination aus vielen anderen Kulturen ist.

Aber sei’s drum, mich hat es nie gestört und irgendwie habe ich mir auch diese „Besonderheiten“ zu eigen gemacht und damit spielen gelernt.

Ach ja, die blöden Anspielungen auf Hitler, Pikropil und die FPÖ lasse ich hier mal weg. Und dennoch muss man sich damit einfach auseinandersetzen, insbesondere aufgrund der Entwicklungen in den letzten Monaten. Das Erstarken der FPÖ und des seltsamen nationalen Stolzes schürt in mir ein ungutes Gefühl. Ich meine, dass sich die Österreicher -ähnlich wie die Schweizer- gerne in ihren Alpen verbarrikadieren und eine gewisse Eigentümlichkeit entwickelt haben: geschenkt. Dennoch will der Österreicher irgendwie irgendwie offen, diplomatisch und global an der Weltpolitik teilnehmen, wahrscheinlich immer mit Metternich im Hinterkopf, der die große Aufteilung Europas nach Napoleon organisiert hat.

Diese Zerrissenheit und dieses Rumgeeier  macht sich deutlich in der Politik und im Volk bemerkbar. Die sogenannte Europäische Krise verschärft noch diese österreichische Zerrissenheit und macht nun deutlich klar, wo der Österreicher politisch steht. Für mich als „Auslandsösterreicher“ wirkt die österreichische Politik wie ein Griff ins Klo nach dem anderen. Und der Strache steht am Drücker und ist kurz davor das Land zusammen mit dem braunen Dreck in die Kanalisation zu spülen.

Ich hatte ja die leise Hoffnung, dass Österreich den Europäischen Idiotie-Preis langfristig an die Briten aufgrund des Brexit abgeben – weit gefehlt. Kurz darauf holen wir uns den wieder mit der Wiederholung der Präsidentschaftswahl 2016.

Sofort kam mir Karl Kraus in den Sinn, dessen Zitat diesen Beitrag hier krönt und ich für meinen Teil muss ehrlich zugeben, dass es mir zunehmend peinlich wird meine Staatsbürgerschaft preis zugeben. Ich fühle mich sowieso als „Weltbürger“, habe insgesamt eine eher globale Einstellung, dennoch kommt man ja immer mal in eine Situation, in der man den Reisepass oder Personalausweis vorzeigen muss. Ich mache das mittlerweile ungern.

Ich kenne die österreichische Behäbigkeit. Sicherlich werden sich viele denken: „Jetz wissens eh ohle, jetz wiad a eh ned gwöhd, dea Hofah…“…. ja NEE! Genau das befürchte ich nämlich! Lieber nen G’Spritzten saufen, als zur Wahl zu gehen und irgendwie hoffen, dass sich sowieso alles zum Guten wendet. Und wenn nicht, dann wird halt debattiert.

Also AUF ihr Österreicher: GEHT ZUR WAHL und setzt ein Zeichen GEGEN rechts – nicht FÜR!

Noch bin ich nicht soweit, wie mein Landsmann Elyas M’Barek, das kann sich aber im Oktober dieses Jahres ändern.

Von Statistiken und Zahlen

Ich mache da kein Geheimnis draus, ich finde die Situation in Deutschland – in Europa – beängstigend. Mir wird zunehmend kalt und ich haben schon vor Monaten, wenn nicht schon vor Jahren damit begonnen mir Sorgen über die gesellschaftliche Entwicklung zu machen. Ich habe teilweise versucht eine Erklärung dafür zu finden, habe es mit Verständnis versucht und letztlich bin ich bei reiner Fassungslosigkeit gelandet.

Mich stört auch zunehmend der Umgang mit dem Thema. Der Mensch und das Schicksal rückt medial in den Hintergrund. Man redet von Obergrenzen und Kontingenten, von Massen und haltlosem Zustrom. Pauschalisierungen und Polemik bestimmen die Gesprächsrunden am Mittagstisch und diese ewige Stammtischpolitik geht mir sowas von auf die Eier. Und je mehr sich ein Mensch zu einer bloßen Ziffer in einer Statistik entwickelt, desto mehr Menschlichkeit verlieren wir.

Wir vergessen dabei nur zu gern, dass es sich um Menschen handelt. Ich für meinen Teil habe beschlossen, genau dies nicht zu vergessen.

Missy Higgins, eine Musikerin aus Australien, hat sich diesem Thema angenommen und ein tolles Lied dazu geschrieben. Das Video ist bespickt mit gemalten Bildern von Kindern, die aus den aktuellen Krisengebieten geflohen sind. Es ist beschämend, bedrückend und beängstigend , dass wir in Deutschland mit fettem Bauch, einem prall gefüllten Teller und die Currywurst noch nicht richtig zerkauft darüber hetzen, dass dieses Pack doch verrecken soll.

Missy Higgins zum Song und zum Video:

Like most people, the photo of little Alan Kurdi being carried out of the water shook me to my core. We often read about the tragic plight of refugees but I think that picture exposed us to the reality in such a raw way that the truth became inescapable.
‚Oh Canada‘ simply aims to tell a story. It’s not preaching anything in particular, it’s simply my attempt to make sense out of senselessness. If it also reminds people of what happened to Alan and his family then I think that would be good – after what they went through they don’t deserve to be forgotten. If the song reminds people how the picture of that lifeless little boy made them feel then that would be even better because that proves we’re all very similar people who just happen to live under different circumstances. If the song inspires anyone to do something on behalf of refugees – to speak up for their rights and to push back against those who seek to inflame our fears and prejudices – then I think that would be best of all.
‚Oh Canada‘ is out now, with 100% of net proceeds from sales going to the Asylum Seeker Resource Centre (ASRC).
The song is accompanied by a powerful animated video created by award winning director Natasha Pincus and animation director Nicholas Kallincos.
Caritas and World Vision Australia support programs in Syria and neighbouring countries that create spaces where children can express their feelings of the past and hopes for the future. The drawings in the ‚Oh Canada‘ video are by children in Caritas programs in Damascus, Syria and in World Vision programs in Beirut, Lebanon. Both the global Caritas network and World Vision have helped millions of people affected by the crisis in the Middle East.
Und jetzt hört und seht. Es lohnt.

Roger Willemsen

Als ich gestern gelesen habe, dass Roger Willemsen gestern mit 60 Jahren an einem Krebsleiden gestorben ist, hatte ich sofort das Bild dieses Mannes im Kopf, dennoch habe ich einen Moment gebraucht um mich zu erinnern, wer genau Roger Willemsen ist. Ich erinnerte mich an eine angenehme Stimme, ein sympathisches Äußeres und einen Menschen, den ich gerne im Fernsehen gesehen und den ich gerne in Zeitungen und Büchern gelesen habe.

Roger Willemsen photgraphiert im Reichstag Berlin© Oliver Mark
Roger Willemsen photgraphiert im Reichstag Berlin© Oliver Mark

Ich verbinde Roger Willemsen mit einem hohen politischen und gesellschaftlichen Verständnis, der in der Lage war Kritik schön formuliert auf den Punkt zu bringen, den eloquenten, mit Salz bedeckten Daumen in die offene Wunde zu drücken und Misstände ausformuliert und zu Ende gedacht nahe zu bringen.

Ich habe sein letztes Buch gelesen, „Das Hohe Haus“ und mich bei nahezu jedem Absatz gefragt, wie hat dieser Mensch diesen Wahnsinn im Bundestag 1 verdammtes Jahr lang ausgehalten. Sein Resümee ist aber genau das, was ich erwartet habe. Er hat den Misstand der Deutschen Demokratie bewiesen.

Mit ihm hat ein großer deutscher Intellektueller die Bühne verlassen. Schade – mir wird er fehlen.